Die zahlreichen Krankenakten aus Samuel Hahnemanns Praxis sind eine wahre Fundgrube für Homöopathiestudenten sowie Medizinhistoriker. Sie reichen von dessen Anfängen als Arzt bis in seine späten Jahre in Paris, und sie geben tiefe Einblicke in die Entwicklung der Homöopathie. Allerdings gibt es nur wenige Aufzeichnungen, wie Patienten selbst die Behandlung bei ihm erlebt haben. Ein Bericht jedoch wurde sogar in einer großen Tageszeitung abgedruckt – und sorgte für große Diskussionen.

Die Wiedererweckung eines Kindes

Paris im Jahr 1838. Erst drei Jahre war es her, seit der mittlerweile 83-jährige Hahnemann zusammen mit seiner jungen Frau Mélanie Deutschland den Rücken gekehrt und sich in der französischen Hauptstadt niedergelassen hatte. Der Aufenthalt in der Kulturmetropole war der letzte, aber sicherlich auch einer der bedeutendsten Lebensabschnitte seines langen Forscherlebens. Aus dem einstigen Einsiedler war ein gern gesehener Gast bei gesellschaftlichen Feierlichkeiten und Empfängen geworden.

Dennoch arbeitete Hahnemann unermüdlich daran, die von ihm entwickelte Heilmethode weiter voranzutreiben und zu verbessern. In Frankreich war die Homöopathie ungemein beliebt. Berühmte Persönlichkeiten suchten die Praxis des berühmten Arztes ebenso auf wie viele einfache Leute. Die Behandlung eines kleinen Mädchens in diesem Jahr war darunter sicherlich einer der spektakulärsten Fälle.

Ein Artikel darüber erschien 1887, also fast 50 Jahre später, in der Tageszeitung Le Figaro unter dem Titel „Die Wiedererweckung eines Kindes“. Verfasser war der berühmte französische Schriftsteller Ernest Legouvé (1807 – 1903), der ebenfalls zu Hahnemanns prominenten Patienten gehörte. Er schildert in dem Artikel die dramatische Behandlung seiner kleinen Tochter. Eine ausführliche Erzählung findet sich schließlich auch in den Memoiren des Schriftstellers. Detailliert berichtet Legouvé von seiner Begegnung mit Hahnemann, den er als „Neuerer des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet und dem er zuschreibt, eine medizinische Revolution begonnen zu haben.

Dem Bericht zufolge war das 4 Jahre alte Mädchen seit einiger Zeit schwerkrank. Die behandelnden Ärzte, die bereits alles versucht hatten, sahen keine Möglichkeit mehr, ihr Leben zu retten und hatten sie schließlich aufgegeben. Um ein Andenken zu behalten, beauftragten die trauernden Eltern schließlich Amaury Duval, einen ebenfalls sehr bekannten Künstler, damit, ein letztes Bild der Tochter anzufertigen. Als dieser fast damit fertig war, schlug er vor, noch einen letzten Versuch zu wagen, und zwar mit Samuel Hahnemann und seiner „neuen medizinischen Lehre“. Die verzweifelten Eltern erklärten sich bereit, und so wurde umgehend ein Diener geschickt, der im Vorzimmer der Praxis gleich einige Patienten antraf, die auf einen Termin warteten. Dennoch gelang es ihm, Hahnemann ans Krankenbett der kleinen Legouvé zu bringen. „Er trat ein, ging gerade aufs Bett zu, sah das Kind scharf an, ließ sich über die Krankheit berichten, beständig das Kind betrachtend. Jetzt rötheten sich seine Wangen, die Stirnadern schwollen an, und er rief mit der Stimme des Zornes: ‚Hinaus aus dem Fenster mit allen diesen Drogen, mit all diesen Flaschen, die ich dort sehe! Tragen Sie das Bett in ein anderes Zimmer. Wechseln Sie die Wäsche, die Kissen, und geben Sie zum Trinken Wasser, so viel die Patientin will. Man hat ihr einen Scheiterhaufen in den Leib geworfen. Erst muß man das Feuer löschen! Und dann wollen wir sehen!‘“

Hahnemann besuchte die Patientin mehrmals täglich, gab seine Mittel und beobachtete den Verlauf. Am zehnten Behandlungstag jedoch verschlechterte sich der Zustand des Mädchens zusehends, und wieder wurde nach Hahnemann gerufen. „Er kam um 8 Uhr Abends und er blieb eine Viertelstunde, wie jemand, der Opfer einer großen Furcht ist. Nachdem er sich mit seiner Frau, die ihn immer begleitete, beraten hatte, gab er uns schließlich eine Arznei und sprach: ‚Lassen Sie sie das einnehmen und Sie werden sehen, dass der Puls bis ein Uhr kräftiger werden wird.‘ Als ich gegen elf Uhr ihren Arm hielt, erschien es mir plötzlich, als ob sich der Pulsschlag leicht veränderte. Ich rief meine Frau, ich rief nach Goubaux und Schœlcher. Einer nach dem andern fühlte den Puls, schaute auf die Uhr, zählte die Schläge, keiner wagte, irgendetwas zu bestätigen, niemand wagte zu jubeln, bis wir uns dann, nach ein paar Minuten, in die Arme fielen: der Puls war kräftiger geworden. Gegen Mitternacht kam Chretian Uhran an. Er ging auf mich zu und sagte in einem Ton tiefster Überzeugung: ‚Mein lieber Herr Legouvé, Ihre Tochter ist gerettet.‘ – ‚Es geht ihr ein wenig besser‘, erwiderte ich ganz durcheinander, ‚aber von da zu einer Heilung…‘ – ‚Ich sage Ihnen, sie ist gerettet‘, und er ging zum Bettchen, an dem ich alleine wachte, küsste das Kind auf die Stirn und ging. Acht Tage danach war das Kind genesen.“

Truth

Zweifel an der Geschichte

Der Wirbel um die Geschichte in der Pariser Gesellschaft war riesengroß. Es war ein Skandal, und Legouvé zufolge war die Ärzteschaft völlig in Aufruhr. Manche sprachen hingegen von einem Wunder oder gar von Auferstehung. In homöopathischen Kreisen wurde der Bericht jedenfalls sehr kritisch aufgenommen. In einem Artikel der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung aus dem Jahr 1888 wird der Wahrheitsgehalt der Darstellung angezweifelt. Denn einerseits wird der Namen der kleinen Patientin nicht erwähnt, auch genaue Angaben zur Diagnose, über die gewählten Mittel und deren Anwendung fehlten. Letztlich ist auch über die Dauer der Behandlung sowie den weiteren Verlauf nichts bekannt. Handelte es sich also bloß um eine fiktive Schilderung eines Schriftstellers?

Nachforschungen in Hahnemanns Krankenjournalen und weitere Recherchen konnten den Hergang mittlerweile recht genau nachzeichnen. Denn obwohl sich in den Patientenakten kein entsprechender Eintrag finden lässt, taucht der Name Legouvé in dem besagten Zeitraum gleich mehrfach auf. Offensichtlich hatte sich neben Ernest Legouvé selbst auch seine Frau von Hahnemann behandeln lassen, auch ein einjähriger Sohn wird in den Journalen erwähnt. Letztlich findet sich auch ein längerer Behandlungsbericht eines kleinen Mädchens namens Marie Legouvé, allem Anschein nach einer Tochter der Legouvés. Nach heutiger Erkenntnis kann mit Sicherzeit davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei um Folgebehandlungen des wiedererweckten Mädchens handelt, die noch bis kurz vor dem Tod Hahnemanns im Jahr 1843 andauerten. Aus diesem Bericht lässt sich schließen, dass das Mädchen höchstwahrscheinlich an Tuberkulose erkrankt war, die seinerzeit sehr verbreitet war. Und tatsächlich forderte die „weiße Pest“ zahlreiche Todesopfer. Die kleine Marie Legouvé jedoch zählte dank Samuel Hahnemann nicht dazu.

One comment
  • Darrel Leipheimer
    Posted on Dezember 8, 2020 at 7:36 am

    i like this finest article

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